Mentalität

Was bedeutet Ultrà für uns?
Ultrà ist für uns das Selbstverständnis, das wir in uns tragen. Unsere Art zu leben. Wir wollen diese Subkultur weiter etablieren und den Tausenden von Jugendlichen und Junggebliebenen im Stadion zeigen wie aufregend es ist zu dieser Bewegung zu gehören. Dieser langwierige Prozess fordert gerade in der fortschreitenden Zerstörung unserer Gesellschaft durch den Kapitalismus viel Mut und Kraft. Der “Freiraum Stadion” muss von uns erhalten werden, dazu gehört ein differenziertes und lebendiges Bewusstsein jedes einzelnen. Jede Woche, jedes Spiel, jede Minute lernen wir dazu und entwickeln uns stetig weiter. Ultrà ist vor allem ein Reifungsprozess1 der Fankultur. Sozusagen die Weiterentwicklung vom kleinen Kind, das viele Regeln akzeptiert und einfach so hinnimmt; zum rebellischen, selbstbewussten Erwachsenden der sagt, was er will und was nicht. Ultrà ist eine Welt, in der wir bestimmen wo es lang geht, wie die Regeln aussehen und was wir tun. Eine Welt die sich abhebt von der konservativen, oberflächlichen, ideenlosen und stereotypischen (gleichgeschalteten) Gesellschaft, in der alles unhinterfragt hingenommen wird. Unser Ziel ist es durch unsere eigenen Ideen und Ideale die Richtung zu bestimmen. Wir setzen die Trends in unserer Kurve, wir beeinflussen das Bild und Ansehen in der Öffentlichkeit. Kein noch so gieriger, machtbesessener und einflussreicher Funktionär hat das Recht uns zu sagen was wir zu tun oder zu lassen haben.

Unsere Kurve, unser Fußball, unser Verein!
Wir wollen, dass unsere Kurve 90 Minuten vor Begeisterung tobt, dass jeder Einzelne merkt wie wichtig er für den Verein ist wenn er für seine Kurve/Gruppe alles gibt. Es ist jedes Spiel worauf wir uns sechs Tage in der Woche vorbereiten und freuen. Ob Choreographien und Doppelhalter malen, Fahnen nähen, Karten organisieren oder Flugblätter drucken usw. Am Wochenende stehen wir dann auf einer harten Probe: “Kriegen wir alles so hin wie wir es uns gedacht haben?”. Mit Leidenschaft und Emotionen, frei sein und Spaß haben könnte man unsere Gefühle am besten beschreiben! Während des Spiels zählt für uns natürlich auch unsere eigene Leistung, die wir zum Spiel beitragen. Es wird gesungen, gehüpft, Fahnen geschwenkt und der Verein und auch die Gruppe selbst gefeiert. Dabei kann es auch mal vorkommen, dass wir mal vom aktiven Spielgeschehen ein paar Minuten verpassen. Denn durch durchgängigen Support zeigen wir der Mannschaft und der Öffentlichkeit dass die Kurve lebt, dass wir da sind, Beachtung für sie (die Mannschaft) einfordern und niemals aufgeben. Auch wenn man mal 0:3 hinten liegt muss es weitergehen, sowohl auf dem Spielfeld als auch in der Kurve. Wir verlangen vom Team auf dem Spielfeld 100% Einsatz bei jedem Spiel. Aber du kannst nichts fordern, was du nicht auch selbst gibst. Dementsprechend gibt es für uns keine Ausreden: Es muss gesungen werden, bedingungslos das Spiel hindurch, vielleicht auch länger! Da gibt es kein “es singen eh nur 50 Leute mit” oder “die Akustik ist zu schlecht”. Die Spieler können auch nicht sagen “der Rasen ist zu schlecht, also spielen wir nicht“.
Wir haben die Ehre unserer Stadt, unseres Vereins und auch unserer Gruppe zu verteidigen, egal wie viele und wo wir sind.
Mit “Verein” ist vor allem die “Institution” als ganze gemeint und nicht irgendwelche Spieler, die nur Fußball spielen, um sich eine “goldene Nase” zu verdienen oder die KGaA. Nein, denn was über Jahre hinweg vom Verein übrig bleibt, sind vor allem die Fans. Wir sind diejenigen die über Jahre hinweg dem Verein bei jedem noch so beschissenen und weit entfernten Spiel hinterher reisen und für ihn werben, und ihm etwa mit Choreografien und Doppelhalter ein hübsches Antlitz verpassen.
Wenn sie aber nicht in die “schöne heile Welt” der Funktionäre passen, wenn z.B. Doppelhalter oder Spruchbänder mit antikommerziellem Inhalt gezeigt werden, bekommen wir den Unmut der Polizei und Funktionäre zu spüren. Doch als einziges unabhängiges kritisches Kontrollorgan des Vereins ist es nichts weniger als unsere Pflicht auf Missstände aufmerksam zu machen, um unser Ein und Alles nicht in den Abgrund stürzen zu lassen. Doch meistens wird mit unserer Kritik ziemlich gleichgültig umgegangen, so dass wir es schwer haben wahrgenommen und respektiert zu werden. Obendrein wird ein aufwendiger Repressionsapparat2 in Gang gehalten, um uns nicht zu mächtig werden zu lassen. Stadionverbote und Polizei/Ordnereinsätze dienen dabei laut oberen Funktionären unserer eigenen Sicherheit und einem komplikationslosen “Eventverlauf”.
Die Veränderungen im Fußball machen leider auch nicht vor unserer Kurve selber halt, so dass sich in der Kurve zunehmend ein Haufen von Mainstream-Jugendlichen tummelt. Solche “Zuschauer” können und wollen nicht verstehen, warum wir einen so hohen Anspruch an uns selbst haben. Diese Leute sollten sich mal vor Augen halten, was für eine Tradition und Lebendigkeit in einer Kurve steckt, die über Jahre hinweg viele von uns geprägt haben.
Wir geben unser letztes Geld für unseren Verein und vernachlässigen unsere Verwandten oder Freunde/innen, denn unsere Gruppe ist unsere Familie. Der Treffpunkt mit Gleichgesinnten, unsere Droge, die wir zum Leben brauchen.

Eigene Ideale, was heißt das denn konkret?
Unsere Ideale und Ziele haben alle einen gewissen Bezug zu unserem Verein, der Stadt und der Gruppe. Doch nicht jedem erscheint das sofort offensichtlich. Unsere Symbole und die Farbe Orange symbolisieren unser Streben und Willen nach Autonomie3 und Veränderung. Wir wollen uns durch diese Extrafarbe sowie mit unserem Gruppennamen und Symbolen von der grauen Masse abheben. Jedoch verlieren solche Sachen nie den Bezug zum Fußball und unserer Kurve. Denn als Teil davon bilden wir die darin existierende aktive Fankultur. Die Kurve existiert nur um den Verein zu unterstützen. Ohne Verein keine Kurve, ohne Kurve keine Fans. Wir wollen ja keine Veränderung des Vereinszeichens erwirken, sondern es gibt uns Fans eine eigene Identität. Genauso wie Orange nur ein Merkmal unserer Gruppe ist. Die Gruppe würde es aber ohne den Verein nicht geben. Ein Ultrà lebt sein Leben für die Kurve, die Gruppe und den Verein. Ein Ultrà sieht den Fußball nicht als abgesondertes Freizeitangebot, sondern als Berufung, als Bestimmung seines Lebens, als seinen Wegweiser aus der Not, als den Lebensinhalt für den es sich zu leben lohnt.

Wie viel Platz ist eigentlich noch für unsere eigene Identität und Vorstellungen?
Einer der wichtigsten Punkte für uns Ultras ist die Anwesenheit bei allen Spielen4, was auch immer durch das Aufhängen unserer Zaunfahne demonstriert werden muss. Doch Zaunfahnenplätze sind rar, vor allem in den neuen Stadien werden selbst den heimischen Fans die Plätze vor ihren Kurven genommen. Spiele wie in Köln oder Freiburg, wo entweder so gut wie gar kein Platz mehr vor dem Block für Fahnen ist, oder von Vereinsseite schlichtweg das Aufhängen verboten wird, erschweren uns schon das Aufhängen unseres Gruppenbanners. Selbst an den Wellenbrechern darf nichts aufgehängt werden. Choreografien werden teilweise von den Vereinen verboten oder selber organisiert, gerne auch von Sponsoren. Dinge wie der “Coca-Cola Fan Award” werden ins Leben gerufen bei denen einige Gruppen die sich den Titel “Ultras” auferlegt haben, beteiligten. Dabei vergaßen sie wohl die eigentliche Ultrà Mentalität und ließen sich von diesem imperialistischen Großkonzern kaufen, um eine “tolle Show” zu bieten. Aber zu welchem Preis?
Eigene Wertvorstellungen sind mittlerweile rar geworden und werden oft als Träumerei angesehen. “Wenn es alle machen, dann ist es doch in Ordnung ,oder?! Gehen wir lieber den leichten Weg und zeigen wie toll wir sind”. An diesem Punkt trennt sich die Spreu vom Weizen. Gruppen, die um jeden Preis ein super Ansehen in der Öffentlichkeit haben wollen und sich lieber finanzieren lassen, als sich selber über Wasser zu halten, haben nicht mehr viel mit Ultrà zu tun und bringen Schande über die ganze Szene in Deutschland. Vor allem bei Choreografien darf man nie vergessen, dass so etwas ein Geschenk von den Fans an den Verein ist und nicht eine (wenn auch versteckte) Werbemaßnahme für einen Konzern.
Dies beschreibt nur einen kleinen Teil dieser weltweiten Subkultur, in der noch viel mehr steckt.

Brigade Nord 1999
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1 In den letzten Jahren entwickelte sich das “Fan Bewusstsein” vom ursprünglichen Gedanken des so genannten “12.Mann” weg. An dieser Stelle soll also nicht behauptet werden, das es kritische Fans nie gegeben hat, sondern wir wieder ein Stück weit zurück (bei uns beschrieben mit Weiterentwicklung) zum bereits da gewesenen wollen.
2 Zusammenspiel von mehreren Institutionen, die die gesellschaftliche “Ordnung” erhalten sollen.
3 Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Recht auf eigene Entscheidungen
4 Hier sind vor allem die “Pflichtspiele” der Profi-Mannschaft gemeint. Trainingslager, Testspiele und die Amateure besuchen wir je nach unserer Wertschätzung.

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