Blickfang Ultra Saisonrückblick 2010/11

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Let there be rock.

Sommerpause 2011 – Hinter uns liegt die beste Bundesliga-Saison der Vereinsgeschichte von, aber auch eine Spielzeit, die für einen ersichtlichen Umbruch innerhalb der Brigade Nord geführt hat.
Es begann noch vor dem ersten Spieltag wie ein Alptraum und endete in einem Märchen: Nach einem erst am letzten Spieltag der Vorsaison erkämpften Klassenerhalt und der folgenden, nicht allzu viel versprechenden Saisonvorbereitung inklusive dem Abgang wichtiger Führungsspieler der Mannschaft brachte uns die erste DFB-Pokalrunde nach Elversberg, wo wir quasi ein Remake des letzten Jahres zu sehen bekamen. Das Aus gegen einen Viertligisten im Elfmeterschießen, der Fast-Abstieg aus dem Vorjahr und eine blamable Vorbereitung ließen nichts Gutes hoffen.
Nach internen Krisengesprächen zwischen Fans, Verein und Mannschaft startete 96 in die Saison, in der gegen alle Befürchtungen aus Scheiße sprichwörtlich fussballerisches Gold wurde! Frankfurt wurde am ersten Spieltag zu Hause besiegt, es folgte der nächste Dreier auswärts in Gelsenkirchen. Ein Batzen von starken Heimauftritten und wichtige Siege gegen unter anderem Werder Bremen, den FC Bayern, Hamburg Blau und last-minute gegen Hamburg Braun platzierten und etablierten unseren Sportverein in den oberen Tabellenrängen. Der Auswärtssieg in Freiburg am 31.Spieltag machte es letztendlich sicher: Hannover in Europa – ein Traum wird endlich wahr! Auch wenn das Fernduell um Platz 3 gegen den FCB verloren wurde, sicherten wir uns am letzten Spieltag gegen die Elf aus Nürnberg einen im Voraus nie für möglich gehaltenen vierten Platz.
Retrospektiv ist diese Saison immer noch kaum zu fassen: Die Mannschaft schaffte eine 180 Grad Kehrtwende, vom Regen in die Traufe und belohnte sich diese mit dem Sahnehäubchen Europa, das erste mal 96 International seit 19 Jahren, diesmal auch wirklich über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus!
Doch Fussball findet bekanntlich nicht nur auf dem Platz statt, sondern auch auf den Rängen. Der überdurchschnittlich guten Saison folgte nur eine mäßig überdurchschnittlich gute Stimmung.
Grade die Heimspiele liefen verhältnismäßig schwach ab und wie gewohnt war zu beobachten, dass dauerhafte und lautstarke Gesänge eine Rarität geblieben sind und sich wenn überhaupt auf einige unkreative Olé Olé –Gesänge und stumpfe Anti-Pöbeleien gegen alles und jeden reduzierten. Die Mitmachquote der Stadion-Besucher_innen konzentrierte sich im Großen und Ganzen mal wieder aufs Vernichten von teurem Bier und fettiger Bratwurst statt auf die Unterstützung des HSV. 90-minütiger Tifo blieb wie gewohnt in erster Linie Sache der Ultrà-orientierten Gruppen im Ober- und Unterrang, denen zudem oftmals mit „Fahne runter!“, oder in unserem Fall sogar mal mit „Scheiß Brigade!“ –Gesängen gedankt wurde. Dieser sich abzeichnende Negativtrend der nur vom Erfolg ins Stadion getriebenen Fans wird durch die bisherigen Verkaufszahlen der Dauerkarten für die nächste Spielzeit einmal mehr unterstrichen, ist aber bei Weitem kein neues Phänomen für Hannover.
Die Auswärtsauftritte waren glücklicherweise zum Teil weitaus besser und es konnten einige Akzente gesetzt werden. Auftritte wie in Wolfsburg, Mainz, Freiburg oder Stuttgart haben Spaß gemacht und aufgezeigt, dass es zumindest theoretisch doch Potential in Hannover gibt, und das nicht zwangsläufig von einem guten Spielstand abhängig.
Ebenfalls sollte der Einsatz von Pyrotechnik erwähnt werden. In der zurückliegenden Saison zündete die Hannoversche Fanszene so häufig wie ewig nicht mehr, man erinnere sich an Elversberg, Mainz, Bremen, St. Pauli, Leverkusen oder auch Nürnberg heim. Es sei an dieser Stelle dahingestellt, wie weit Pyro beliebt ist oder auch nicht und mit welchen Folgen das überhäufige Zünden von Bengalos, Rauch und anderen wundervollen Stilmitten von Seiten des Vereins, der Verbände und der Cops bestraft werden. Dass Hannover, wie auch viele weitere Fanszenen in Deutschland, so viel Pyro-Technik eingesetzt haben, ohne dabei Leute zu verletzen zeigt, dass ein kontrolliertes Nutzen kaum Gefahren birgt und für die Kurven ein optisches als auch Stimmungstechnisch wichtiges Aufputschmittel ist.
Bei der Brigade Nord ging es in der Spielzeit 2010/2011 drunter und drüber. Unser Umfeld und unsere Nachwuchsgruppe verzeichneten weiterhin Zulauf und Zuspruch, regelmäßige Aktionen vor allem im Fanprojekt Hannover und an den Spieltagen stärkten die Freundschaften unserer jungen Generation und Mitglieder.
Innerhalb hatten wir jedoch viele Streitigkeiten. Es ist nicht zu verleugnen, dass sich innerhalb der Gruppe viele Differenzen um diverse Themen auftaten, bei denen zwei Pole entstanden, die sich in ihren Vorstellungen unaufhaltsam Auseinanderbewegten. Es ging um Grundsatzfragen des Gruppenlebens, um das “ob” und “wie” wir Ultrà ausleben wollten, um das Verhältnis zur restlichen Szene in Hannover, in wie weit Gewalt eine Rolle spielen darf, wie viel Politik, und vor allem welche Art von Politik ins Stadion gehört und so weiter. Es war kaum noch möglich im Stadion einen gemeinsamen Nenner zu finden, sei es bei Gesängen, Pöbeleien, Materialeinsatz und durch diese schlechte Stimmung schwand bei manchen die Motivation und die Lust auf Fussball enorm. Die Identifikation mit der Brigade bröckelte, zwischenmenschliche Kontakte zerrissen, an allen Ecken und Enden wurde gehatet. In der Winterpause kam es dann noch dicker: Der unabgesprochene Besuch einiger damaliger Brigade-Mitglieder bei einer Antirepressions-Party der Bremer Ultràs von der Infamous Youth, bei der sich zu allem Überfluss auch noch Ultras Braunschweig–Mitglieder rumtreiben mussten, wurde zum Skandal der deutschen Ultrà-Szene und brach die Schranken des üblichen Foren-Gossips.
Dieser Streit ging aber auch nicht an unserer Gruppe spurlos vorbei, die Meinungen zum Undercover-Besuch in HB waren unterschiedlich wie Tag und Nacht, der Streit ging weiter.
Die Grundstimmung war jetzt vielleicht so schlecht wie nie zuvor in 12 Jahren Brigade Nord-Geschichte, zum ersten Spieltag der Rückrunde in Frankfurt gab es deutliche Reaktionen der restlichen Szene gegen uns (Zitat „Bremer Fotzen“).
Als daraufhin deutlich wurde, dass diejenigen, die sich selber mit dem sich abzeichnenden Weg nicht identifizieren, nicht länger bereit sind diesen auch noch nach außen vertreten und verteidigen zu müssen, war klar, dass es bald zu einer Entscheidung in dieser Problematik kommen musste. Diese folgte dann nach einigen Krisensitzungen und Gesprächen mit den selbstgewählten Austritten einer ganzen Anzahl an Leuten, welche teilweise, soviel muss auch klargestellt werden, in der Zeit ihrer Mitgliedschaft viel Aktivität an den Tag gelegt hatten und gute Weggefährten waren und sind, was auch nicht vergessen werden soll.
Nach diesem Punkt Null war die Stimmung erst einmal gedrückt, hatte doch gerade die Gruppe eine nicht geringe Anzahl an Mitgliedern verloren.
Aus den gemachten Erfahrungen gilt es natürlich zu lernen. So werden wir beispielsweise weiterhin am Konzept einer zwar kleineren, aber dafür nicht nur vom Mitgliedersystem her geschlossenen Gruppe festhalten, aber in Zukunft auch verstärkt darauf achten, dass es nicht bei der guten Absicht diesbezüglich bleibt. Doch bald war dann auch wieder Aufwind zu spüren: Die Möglichkeit einen gemeinsamen Nenner für unsere Inhalte zu setzen war sofort zu erkennen, es ging wieder voran und um das Wesentliche: Hannover 96.

An dieser Stelle sollten aber noch zwei Dinge grundlegend geklärt werden: Erstens haben wir nichts mit Bremen und nichts mit Braunschweig am Laufen. Es mag schlimmere Gruppen in den jeweiligen Städten geben als die Infamous Youth Bremen oder die Braunschweiger Wasserball-Ultras und wir teilen deren antirassistische Haltung, aber wir haben anderes zu tun, als mit den Boys’n’Girls von IY und UB unsere Zeit zu teilen.
Zweitens ist klar festzustellen, dass die jetzige Brigade Nord ihren Schwerpunkt wieder mehr auf das Wesentliche des Ultrà-Seins legen wird, also die Unterstützung des Hannoverschen Sportvereins, aber wir sind durch den Bruch nicht „unpolitischer“ geworden, und ganz sicher nicht offen für Nazis. Wir treten weiterhin antirassistisch auf und haben kein Bock auf Nazis im Stadion, „Fotze“ „Schwuchtel“ oder gar „Jude“–Pöbeleien in unserer Kurve und werden auch weiterhin mit Vorliebe das Salz in der Suppe der Szene in Hannover sein. Basta!
Nachdem es zu dem Bruch kam formierten wir uns also neu und setzten mit zwei Choreographien zum 115. Vereinsgeburtstag ein neues Lebenszeichen. Beim Auswärtsspiel im Hamburger Volkspark, holten wir mit einer Goldfolien-Choreo zum ersten Streich aus und legten beim darauffolgenden Heimspiel gegen Mönchengladbach mit einer aufwendigen Unterrangchoreo nach. Leider musste die geplante Hauptaktion dieser Choreo in letzter Sekunde gecancelt werden, da der zu krasse Wind, welcher durchs Niedersachenstadion fegte, uns einen Strich durch die Rechnung machte.
Abschließend können und wollen wir nur optimistisch in die Zukunft schauen! Unser geliebter Verein von 1896 spielt in Europa! Wie ganz Hannover warten auch wir gespannt auf die Auslosung der Play-Off Runde. Die Mannschaft scheint motiviert und optimistisch zu sein, die erste DFB- Pokalrunde könnten wir somit möglicherweise auch mal wieder überstehen und vielleicht schaffen wir es ja kommende Saison erneut bester Nordclub zu werden.
Unsere Vorbereitungen laufen auf Hochtouren: Eifrig basteln wir derzeit neues Material, beziehungsweise lassen wir auch die Kamikaze kräftig schuften und mit neuer Hoffnung und einer ordentlichen Portion Zuversicht sind wir bereit weiterhin das Niedersachenstadion, die Gästeblöcke der Liga und den Europapokal zu rocken! – The Show must go on…

Brigade Nord 1999, Juni 2011

 

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