Forza-roma.de | 2008

1.) So, diesmal habe ich die Ehre eine Fragerunde mit einer sehr aktiven Gruppe aus der Hauptstadt Niedersachsens zu absolvieren. Erzählt bitte mal etwas über euch und das Leben bei/mit der Gruppe „Brigade Nord 99“ und geht dabei auch mal ein bisschen auf die Hierarchie, die interne Hackordnung, der Gruppe ein.

Erstmal Danke, dass Du uns Gelegenheit gibst uns auf Deiner Seite zu präsentieren.

Unsere Gruppe ist basisdemokratisch organisiert, obwohl natürlich auch bei uns eine kaum vermeidbare informelle Hierarchie besteht.
Da wir eine verhältnismäßig kleine Gruppe sind die nicht komplett in der Stadt wohnt, ist es manchmal schwierig, aber umso wichtiger, dass wir uns regelmäßig treffen. Wir haben dazu einen festen Termin in der Woche, an dem in regelmäßigen Abständen auch Mitgliederversammlungen stattfinden. Außerdem verbringen wir die Abende nach Heimspielen und nach Möglichkeit auch nach Auswärtsspielen zusammen.

2.) Vor etwas längerer Zeit hat Jan Simak, um seinen Wechsel zu Leverkusen zu erzwingen, sich negativ über das Leben in eurer Stadt geäußert, sie sei langweilig und hässlich. Erzählt mir bitte mal etwas über das Leben, den Lifestyle und die Menschen in eurem Hannover. Was macht Hannover eine Reise wert?

Schon klar – Hannover wird ja oft als graue Maus dargestellt. Für uns und viele, die sich dann doch mal her getraut haben, ist das nicht nachvollziehbar. Hannover ist durch seine geografische Lage ein Autobahn- und Schienennetz-Knotenpunkt. Was uns in Sachen Mobilität einige Vorteile verschafft.
Langweilig? Jan Simak hat unser Nachtleben in vollen Zügen genossen und auch unsere „geliebten“ Nachbarn hinterlassen immer wieder des Nachts blau/gelbe, bzw. grün/weiße Aufkleber im Amüsierviertel zwischen Steintor und Hauptbahnhof, was eindeutige Rückschlüsse zulässt, in welcher Stadt sie lieber ihre Freizeit verbringen.
Ansonsten noch ein paar Stichworte: Chaostage, Maschsee- und Fährmannsfest, zahlreiche Szeneclubs, Messestandort, Expo, weltweit größtes Schützenfest, zahlreiche Museen und Theater, Großveranstaltungen wie Konzerte im Stadion, sowie zahlreichen kleineren Locations, etc. – hier wird es nie langweilig!

Hässlich? Zugegeben, wenn man mit dem Zug in den Hauptbahnhof einfährt, entsteht nicht gerade der beste Eindruck. Nach Verlassen der eher durchschnittlichen Innenstadt, merkt man aber, dass Hannover eher eine grüne Stadt ist. Im größten Stadtwald Europas, der Eilenriede, kann man herrlich entspannen, zum Sonnen bieten u.a. die Georgengärten viel Raum. Wer auf gepflegte Gartenkunst steht bewundert die Herrenhäuser Gärten und ein Spaziergang, Joggen oder Skaten um den Maschsee ist immer eine gute Idee. Auch architektonisch wird Hannover immer wieder unterschätzt. Kaum jemand weiß z.B., dass im Steintorviertel ein Gebäude von Frank Gehry (u.a. Guggenheimmuseum in Bilbao) erbaut wurde.

Alles in allem lässt es sich in Hannover sehr gut leben. Klar wir sind keine Metropole, wie es viele EinwohnerInnen und PolitikerInnen gerne heraufbeschwören, allerdings lässt sich der Charme der Möglichkeit, fast alle neuralgischen Punkte der Stadt binnen von 30 Minuten zu erreichen, nicht verleugnen. Wenn man denn Auto fahren will oder muss geht es aufgrund der großzügigen, breiten Straßen noch viel schneller.

Und natürlich nicht zu vergessen – ein Heimspiel von Hannover 96!

3.) Wir fangen am besten mal beim Sportlichen an, der sportliche Erfolg ist ja teilweise da und ein „sensationelles“ Stadion steht ja auch da. Wie denkt ihr über die derzeitige Situation beim Verein?

Sportlich sieht es aus wie immer, wir gewinnen ein paar Spiele hintereinander und das Umfeld schreit und jubelt, im bereits erwähnten hannoverschen Größenwahn, nach europäischem Fußball. Verlieren wir dann mal wieder, wird sehr schnell gegen den Trainer gepöbelt. Diese Verhaltensweisen nerven uns eher an und wir halten uns aus diesen Diskussionen raus.

Trotz des Umbaus sind noch Elemente des alten „Stadions auf dem Trümmerberg“ übrig geblieben, was unser Niedersachsenstadion von vielen anderen komplett neu hochgezogenen Arenen positiv unterscheidet. Bis auf die Stehplätze mit den Vario-Sitzreihen (im übrigen angeblich fest einbetoniert und ohne größere bauliche Maßnahmen nicht entfernbar), sind wir damit schon zufrieden.

4.) Wenn ich jetzt Wirtschaftsprüfer oder Unternehmer wäre würde ich jetzt euren Präsident in den 7. Himmel loben, da ihm rein finanzpolitisch und im Führungsstil nicht negatives Vorzuwerfen ist (der Verein spielte bei seinem Amtsantritt am 26. September 1997 in der Regionalliga). Als Fan und/oder Ultrà behaupte ich jetzt mal es kann keinen Schlimmeren geben als Herrn Kind. Sagt mir bitte mal eure Meinung zu angesprochener Person, schließlich ist es ja euer „Tagesgeschäft“ euch mit ihm auseinander zu setzen und erläutert bitte mal, welche „Waffen“ da einem sozusagen „gläsernen“ Bundesligaclub-Anhänger zur Verfügung stehen.

Erstmal stimmen wir Deinen Ausführungen zu. Herr Kind ist als Präsident kein Mäzen des Vereins, sondern ein Geschäftsmann, der den Verein nur als Kapitalanlage sieht und versucht den maximalen Profit für sich und die diversen anderen Gesellschafter herauszuholen. Dabei erinnert sein Vorgehen manchmal an das Verhalten klassischer Oligarchen – wer außer ihm zu viel Macht ansammelt, zu viel eigenes Profil zeigt, aber auch MitarbeiterInnen, die nicht auf seine Linie zu bringen sind und dieses auch noch öffentlich zum Ausdruck bringen, werden rigoros abgesägt.

Wenn sich Herr Kind allerdings selbst zu sportlichen Dingen öffentlich äußert, kann einem ganz anders werden, da er vom Sportlichen einfach gar nichts versteht. Allerdings müssen wir sagen, dass sich dieses Verhalten seit seiner Auszeit in der Saison 05/06 deutlich gebessert hat, was darauf schließen lässt, dass er seitdem einen guten Medienberater hat, oder die Abstimmung zwischen ihm und der sportlichen Leitung wesentlich besser geworden ist – wir tippen auf Ersteres.
Glücklicherweise haben wir im „Tagesgeschäft“ nicht viel mit Herrn Kind zu tun. Dafür haben wir Ansprechpartner bei den diversen Kapitalgesellschaften in die unser Verein aufgesplittet wurde (auch ein Verdienst von Herrn Kind).

Direkten Kontakt haben wir mit Herrn Kind in der seit April 2007 bestehenden „Fanrunde“. Dabei hat sich gezeigt, dass Herrn Kind sachlichen, wirtschaftlich begründeten Argumenten der Fans offen gegenübersteht. So hat sich in dieser Runde ergeben, dass die Vereinsführung, sprich Herr Kind, sich von der Idee verabschiedet hat unseren Verein weiter als „die Roten“ zu vermarkten und sich auf unsere traditionellen Farben zu besinnen, sowie die „96“ mehr herauszustellen. Somit sind, zumindest vorerst, unsere Farben gerettet worden.
Die Möglichkeiten dieser Runde kann man sicherlich nicht als „Waffe“ gegen die unternehmerischen Höhenflüge von Herrn Kind bezeichnen, da man viele Fananliegen nicht in Zahlen ausdrücken kann. Ein weiteres Problem dieser Runde ist die unterschiedliche Definition von Fananliegen zwischen den vertretenen Fangruppen. Viel lässt sich unserer Meinung nach durch den Zwang zu wirtschaftsliberaler Argumentation nicht erreichen, in sofern werden uns dort nur Brotkrumen zugeworfen, die aus unserer Sicht zu Unrecht als große Erfolge gefeiert werden. Den Großteil der relevanten Politik machen wir an anderer Stelle.

5.) Lasst uns einmal sinnieren, euer Präsident strebt ziemlich offen eine weitere Kommerzialisierung des Fußballsports an. Erst neulich fiel die Aussage, dass Sponsorennamen im Vereinsnamen eine schon fast logische Konsequenz der Zukunft seien. Wie denkt die „Brigade Nord 99“ über diese Vorstellung? Würde es nach so einem Schritt weiterhin Unterstützung von euch für den Verein geben, sicherlich nicht oder?

Sponsoren im Vereinsnamen sind keine logische Konsequenz der Zukunft, sondern ein historisches Faktum im Fußballsport. Als Beispiele: Bayer Uerdingen, Westfalia Goldin Herne, LR Ahlen (okay, die sind etwas künstlich entstanden), Gummi Mayer Landau, Chio Waldhof 07, VfR Oli Bürstadt, VfB IMO Merseburg und ein Verein kann von Glück sagen, dass er nicht Jägermeister B… heißt. In der DDR war es durchaus üblich, dass es Betriebspaten geben musste, um überhaupt eine Spiellizenz zu erhalten. Bayer Leverkusen, Wacker Burghausen und Carl Zeiss Jena wurden als Werksvereine gegründet. Es gibt also durchaus eine Tradition von Vereinen, die Firmennamen in ihren Vereinsnamen haben und hatten.
Ohne finanzielle Unterstützung von Unternehmen hätte der Fußballsport nicht die Verbreitung, die wir heute gewohnt sind, wenngleich nicht jedes Unternehmen den Firmennamen im Vereinsnamen untergebracht hat.
Ein DFB-Statut besagt, dass ein Verein nur bei Neugründung einen Firmennamen im Vereinsnamen unterbringen kann, oder als ausdrückliche Ausnahme. Die traditionellen Vereinsnamen sind also durchaus geschützt. Wenn dieses Statut fallen würde und uns eine Firma ihren Namen aufdrücken würde, hätten wir schon ein Problem damit. Haben aber unser mögliches Verhalten noch nicht endgültig ausdiskutiert, da wir die Gefahr momentan nicht als dramatisch ansehen weil Herr Kind unserem Wissen nach keinesfalls auf die Abschaffung des DFB-Statuts hin arbeitet. Eher ist es ihm momentan ein Anliegen die Marke „Hannover 96“ auszubauen und zu stärken.

Herr Kind fokussiert allerdings die Abschaffung der 50+1-Regelung. Die Diskussion darüber wird momentan relativ irrational geführt, so dass man meinen könnte, die Vereinsnamen wären direkt an 50+1 gekoppelt. Dem ist aber nicht so, wie wir ja eben schon erläutert haben.

6.) Wenn man eure Geschichte auf eurer Seite liest, erfährt man, dass ihr gerade zu den Anfängen mit sehr vielen Widerständen zu kämpfen hattet. Verliert mal bitte ein paar Worte von den Anfängen bis zur Situation Ende letzter Saison. Hebt mal bitte die Situation bzw. den Umgang mit den Verantwortlichen von 96 hervor.

Im Prinzip hatten wir die ersten Jahre bis ca. 2004 keine größeren Probleme mit dem Verein, abgesehen von einem Montagsspiel in der zweiten Liga, als eine Person des Vereins behauptete unsere Zaunfahne würde eine alt-italienische Schriftart zieren und wir würden damit einen Bezug zur „Brigate Rosse“ herstellen (wollen). Daraufhin wurde diese, weil sie Fernsehgerecht hing, für ein Spiel entfernt.
Zum anderen liegt es sicherlich daran, dass wir bis zum Jahre 2004 nicht als eigenständige Gruppe auftraten (wenn man mal von unseren Doppelhaltern und der Zaunfahne absieht), so dass sich ja auch gar keine Reibungspunkte hätten ergeben können. Denn primär agierten wir als ein Teil der „Ultras Hannover“.

Grundsätzlich gab es seit der Gründung unserer Gruppe unterschiedliche Vorstellungen zum Rest der Ultrà-Szene. Aber erst 2001 fielen diese Unterschiede in einem hohen Maß auf, so dass teilweise kein Konsens innerhalb der – von uns im Jahr 2000 mitgegründeten – Ultras Hannover gefunden werden konnte.
Die Gründe kann man, wie du schon erwähnt hast, in unserer Geschichte genauer nachlesen, an dieser Stelle seien stichwortartig nur einige genannt:

- die Farbe Orange
- Liedgut
- der Unwille langfristig zu denken innerhalb der UH

Dies führte dann nach einem kleinem Tumult (übrigens nicht das erste Mal) nach dem Heimspiel gegen Hertha in der Saison 2003/2004 zum Austritt. Seitdem agieren wir Unabhängig von den UH.

Die Unstimmigkeiten waren danach natürlich noch nicht zu Ende. Geholfen, die Situation zumindest oberflächlich zu beruhigen, hat aber definitiv, dass die UH kurz danach in den Oberrang wechselten und fortan bei Heimspielen beide Gruppen getrennt waren und es noch sind. Bei Auswärtsspielen kam es ab und an zu Wortgefechten und Handgreiflichkeiten.

Innerhalb der Fanszene bzw. des Stadionpublikums gab und gibt es gelegentlich- mal mehr, mal weniger Probleme mit Becherwürfen, dem Schwenken von Fahnen, dem Liedgut, rassistischen und antisemitischen Äußerungen.

Probleme mit dem Verein bzw. der ausgegliederten Profifussball-Sparte „Hannover 96 GmbH & Co. KGaA“ ergeben sich natürlich aus den strukturellen Sachzwängen und der Hierarchie der MitarbeiterInnen, so dass wir hier die üblichen Probleme von aktiven Fans aufzählen könnten, die allerdings allen hinlänglich bekannt sein dürften.
Durch relativ selbstbewusstes und taktisches Agieren, können wir aber einige Problem vermeiden, umgehen oder lösen.

7.) Sagt bitte mal was über Organisation, Mitgliederzahl usw. bei euch, wie viele Leute seid ihr gerade und wie sieht zur Zeit die Zusammenarbeit in der Ultrà-Szene in Hannover aus? Gerade gegen Bremen wurde ja eine gut durchgeführte Choreo gezeigt, wie werden solche Aktionen finanziert, geplant und vorbereitet, habt ihr dafür auch eigene Räumlichkeiten? Ich weiß, dass immer/meistens ein Gruppentreffen Mittwochs bei euch stattfindet, welche Themen werden da besprochen?

Die BN99 besteht aus zwei Teilen. Der Haupt- und unserer Nachwuchsgruppe „Kamikaze Group“. Wie schon in der ersten Antwort erwähnt, sind wir basisdemokratisch organisiert, treffen sind immer mittwochs im Fanprojekt und wir haben für gewisse Angelegenheiten VertreterInnen bestimmt, wie zum Beispiel für Pro-Fans Treffen, Gespräche mit dem Verein, etc..

Die Mitgliederzahl kommentieren wir grundsätzlich nicht.

Um auf die Zusammenarbeit mit UH zu kommen: Es besteht kein freundschaftliches Verhältnis zwischen den Gruppen, aber wir arbeiten gelegentlich in bestimmten Punkten zusammen. Dies ist zum Beispiel der Fall auf dem Fanhausplenum oder in dem damaligen Bündnis „Fans oder Kunden“, aus dem die „Fanrunde“ hervorgegangen ist.
Die Choreo gegen Bremen stellte eine Ausnahmesituation in der Zusammenarbeit mit UH und dem so genannten „Fandachverband“ Rote Kurve dar, um aus taktischen Gründen etwas Schlimmeres zu verhindern.
Aktionen planen und vorbereiten macht jede Gruppe für sich selbst und unabhängig voneinander. Finanziert wird so etwas bei uns über Mitgliedsbeiträge und den Verkauf von Fanartikeln an unserem Stand Stadion.
Wir nutzen als Räumlichkeiten unter anderem das „Fanhaus“, das Fanprojekt und/oder das Stadion selbst.

Eines unserer wichtigsten Projekte ist der Arbeitskreis „96-Fans gegen Rassismus“ in Kooperation mit dem Fanprojekt und einigen Einzelpersonen. Außerdem moderieren wir auch die Radiosendung „Nachspielzeit – Das 96-FanRadio“ auf Radio Flora (Nicht-kommerzielles Lokalradio) und nehmen an „Fansmedia“ teil.

Des Weiteren arbeiten wir bei Pro Fans auf Bundesebene mit und verwalten zusammen mit UH das „Fanhaus“.

8.) Laut Eigenaussage gab es die größten Widerstände für euch als Gruppe die frischen Wind in die Unterstützung bringen wollte aus den eigenen Reihen. Wie denkt ihr über solche hausgemachten Probleme? Stand sich die Szene in Hannover selbst im Weg bzw. ist das auch heute noch so? Wie seid ihr mit der akustischen Unterstützung heute im Spiel zufrieden?

Wir sind der Meinung, dass wir es mit Problemen zu tun haben die sich seit Beginn der Ultrà-Szene in Hannover gebildet haben. Um diese verständlicher zu machen müssen wir ein wenig ausholen.
Grundsätzlich gilt: Seit 1998 dem Beginn der Ultrà-Szene in Hannover („Komplott Hannovera“) fehlte die Langfristigkeit im Denken und Handeln. Dies zeigte sich auch daran, dass im ersten Jahr des Aufkommens des Ultrà-Gedankens in Hannover viel davon gesprochen wurde das man zu den führenden Gruppen der deutschen Ultrà-Szene gehörte.
Bereits ein Jahr später liefen viele deutsche Gruppen mit ihrer Entwicklung der hannoverschen Szene davon. Auch wenn es Kontakte nach Hamburg, Nürnberg, Bielefeld und Berlin durch die Verrückte Meute und das Komplott Hannovera gab und es in diesen Szenen auch durchaus eine Strukturentwicklung gab, wurden aus diesen Kontakten keine guten Ideen und Gedanken zur Weiterentwicklung der hannoverschen Szene übernommen.

Ein weiterer Punkt ist das elitäre Gehabe der Ultrà-Szene seit Beginn ihrer Existenz. Am Anfang waren die Feindbilder Kutten und Fanblock H-31 im Allgemeinen, weitere Feindbilder waren und sind „fremdartige“ Menschen.
Heute gibt es dazu ein diffuses Feindbild „Fußballkonsument/Eventpublikum“ in dem alle Menschen die keine Ultras sind, summiert werden, die nicht dem autoritären Weltbild der UH entsprechen. Diesen wird dann natürlich ihre Daseinsberechtigung als Fans aberkannt.
Dazu kommen natürlich noch die so genannten „Kaputtmacher“ des Fußballs wie z.B. derzeit Dietmar Hopp, die für viele das eigentliche Übel sind, das nur Ausgetauscht werden müsste. Dann wäre die Fußballwelt wieder paradiesisch.

Grundsätzlich stehen und standen wir den beschriebenen Grundhaltungen sehr kritisch bis distanziert gegenüber. Wir sind kein elitärer Haufen und wollen mit anderen Fans und Strömungen generell zusammen arbeiten.

Hauptprobleme für die mäßige Stimmung ist unserer Meinung nach in erster Linie das elitäre Gehabe der Szene – und dies gilt leider auch noch oftmals für unsere Gruppe. Weitere Dinge, wie z.B. melodische Gesänge oder optische Hilfsmittel sind deshalb nur wenig akzeptiert und die Zusammenarbeit mit anderen Fans ist von Spiel zu Spiel stark variierend.

9.) Versucht bitte auch mal das gesamtdeutsche Szenario ein wenig einzuschätzen. Sicherlich ist eine solche Situation und Aussage nicht zu verallgemeinern, aber ich denke die “deutsche Starrköpfigkeit” und das behäbige Gefallenlassen von ungemütlichen Dingen (in Deutschland speziell in der Arbeitswelt zu finden) verhindert in einigen bzw. manchen Stadien die endgültige Durchsetzung des Ultrà-Kults. Könnte dieser Umstand irgendwann mal ein wichtiger Knackpunkt in Hannover werden, dass die Situation für die “normalen Fans” die nicht jeden Monat 10.000 € netto verdienen und die Schlagzahl der Eintrittsgelder (wie z.B. in England) mitgehen können nicht mehr zu halten ist und durch heiß begehrte „VIP´s“, also irgendwelche Leute der „Sehen und gesehen werden“-Society ersetzt werden.

Dazu gibt es zu sagen, dass es den Publikumsaustausch den du beschreibst schon heute gibt. Auch die Ultraszene ist ein Teil dieses Wandels. Dies trifft sicherlich nicht für alle – aber auf viele zu. Es gibt noch viele Ultras die vorher in einer anderen Strömung der Fanszene aktiv waren und später zu Ultras geworden sind.
Jüngere Ultras kennen und interessieren sich nur noch für diese. Was sicherlich auch nicht nur schlecht ist.

Viele Fans die das Publikum in den 80er und 90er Jahren stellten, sind heute nicht mehr dabei. Dies ist auch der Preispolitik geschuldet. Allerdings, denken wir, dass die Fanszene nicht vergleichbar ist mit einer solchen, die heute existiert. Denn der hohe Organisationsgrad der heutigen Ultrà-Szene war in den Kurven und außerhalb so nie existent. Vielleicht mit Ausnahme von Vereinen mit starken proletarischen Wurzeln.

Das hohe Maß an Organisation wird in den Ultrà-Gruppen dadurch deutlich, dass auf verschiedenen Ebenen und zu diversen Themen gearbeitet wird und dies auch mit einem hohen Mobilisierungsfaktor einhergeht.
Sprich: Eine Gruppe kann zum Beispiel eine Demo zum Thema Rassismus organisieren und gleichzeitig aber auch das Thema Stadionverbote einer breiteren Masse zugänglich machen. Dies liegt auch daran das viele Gruppen mit engagierten und vor allem vielen Leuten ausgestattet sind.
Dies führt automatisch zu Konflikten mit Fans aus anderen Strömungen die bestimmte Themen aus einem anderen, teilweise unkritischeren Blickwinkel sehen, so dass an dieser Stelle eine Entsolidarisierung stattfindet.
So grenzen wir uns einerseits ab und die anderen Fans von uns.
Es scheint auch der Fall zu sein, dass an dieser Stelle eine Diskussionskultur schlichtweg nicht existent ist. So befinden wir uns fast ausschließlich in ideologischen Grabenkämpfen. Leider sind die meisten Strömungen liberal-konservativ geprägt und akzeptieren viele Veränderungen die elementare Dinge von uns angreifen. Deshalb stehen die Chancen nicht so gut, eine starke Bewegung in unserem Sinne initiieren zu können.

Ziel sollte es also sein, eine gemeinsame Perspektive für Veränderungen zu entwickeln, um die Entwicklungen die uns alle ankotzen gemeinsam zu bekämpfen.
Da sich der Wettbewerb auf dem „Fußballmarkt“ weiter verschärfen wird, können wir natürlich davon ausgehen, dass die Vereine versuchen werden auch über höhere Eintrittsgelder mehr Kapital zu akquirieren. Insofern liegt es dann an der Gegenbewegung die sich formieren sollte – und es vielleicht auch tut.

10.) Wie sieht in Zukunft der Kampf gegen den modernen Fußball aus? Welche Aktionen sind geplant von der „Brigade Nord 99“ und arbeitet ihr da mit anderen Gruppen in Hannover explizit zusammen?

Von „Kampf“ kann gar keine Rede sein. Denn in erster Linie fehlt bei uns, wie bei anderen Gruppen wahrscheinlich auch, die relevante Kritik der politischen-, und gesellschaftlichen Ökonomie. Es fehlt vielen eben das Bewusstsein/Verständnis der politischen Zusammenhänge und die Überwindung der eigenen Ohnmachtgefühle durch politisches und gesamtgesellschaftliches Agieren.

Mit den Ultras Hannover gibt es in diesem Punkt keine Zusammenarbeit.

Wir arbeiten bei Pro Fans mit, versuchen aber auch mit anderen Gruppen gesamtgesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Mehr wollen wir hier aber nicht mitteilen.

11. So, nun mal zu einer ganz speziellen und legendären Feindschaft, zum Rivalen aus Braunschweig. Diese Feindschaft wird ja so extrem geführt und gepflegt wie sonst fast nur in Ostdeutschland. Erzählt mal bitte Außenstehenden, wie ein solcher Hass zu Stande kommt und verliert bitte noch ein paar Worte über Wolfsburg. Werden die Anhänger aus der VW-Stadt ernst genommen? Außerdem interessieren mich Kontakte der „Brigade Nord 99“ zu Anhängern anderer Vereine.

Braunschweig war als ältere Stadt schon „im Rampenlicht der Geschichte“, ehe die „untergeordnete Landstadt“ Hannover im Jahre 1241 ausgerechnet von Herzog Otto von Braunschweig die städtische Autonomie erhielt und dadurch der Aufschwung Hannovers ermöglicht wurde.
Weil der „unfähigste aller Wolfenbüttler Herzöge“, Friedrich Ulrich, für keinen Nachwuchs gesorgt hatte, erlosch die Wolfenbüttler Linie. Das stellte den Wendepunkt der Braunschweiger Vorherrschaft dar, die Lüneburger kamen an die Macht und teilten das Gebiet neu auf. Herzog Georg wählte Hannover als seine Residenzstadt aus.
„All das, was Braunschweig bis dahin ausmachte und gehörte, hatte auf einmal Hannover.“ Das war wohl der Beginn der Rivalität. Während Hannover immer mächtiger wurde, stellte Braunschweig nur noch einen „Kleinstaat“ dar. „Deklassiert“ wurden sie 1714, als Kurfürstin Sophie von Hannover zur Thronfolgerin in England erklärt wurde. Da sie jedoch verstarb, wurde ihr Sohn Georg Ludwig zu König Georg I. von England.
Gegen Napoleon kämpften Braunschweiger und Hannoveraner Seite an Seite. Nach dem Sieg fühlten sie sich erneut benachteiligt, wurde doch Hannover mit Osnabrück und Hildesheim reichlich beschenkt.
Auch in den nächsten Jahren folgten weitere Rückschläge, von der Verkehrspolitik des 19.Jahrhunderts bis hin zu den Nazis, die Hannover zur Gauhauptstadt machten. Dabei vergessen wir nie, dass Dietrich Klagges aus Braunschweig Adolf Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft verschaffte, indem er ihm dort eine Planstelle einrichtete.
Ein weiterer Punkt, der zum schlechten Verhältnis der Bürgerinnen und Bürger der beiden Städte beigetragen hat ist sicherlich das Bombardement der Altstadt Hannovers im zweiten Weltkrieg, welches eigentlich Braunschweig treffen sollte. Wegen schlechten Wetter- und damit Sichtverhältnissen ging dieser Schlag gegen die Infrastruktur der Nazis allerdings gründlich schief.

Sportlich knüpft die Geschichte nahtlos an. In den Anfangsjahren des semiprofessionellen fussballerischen Wettkampfs war Braunschweig eindeutig die dominierende Kraft. Ende der Dreißiger änderte sich dieses Kräfteverhältnis mit unserem Gewinn der Meisterschaft 1938. Dieser Trend wurde mit dem erneuten Titelgewinn, 1954, bestätigt.
Trotz Dem, sowie unserem besseren Zuschauerschnitts wurde die Eintracht bei Einführung der Bundesliga am grünen Tisch bevorzugt. Dann bereiteten sie auch noch der Trikotwerbung und damit einem Teil der Kommerzialisierung des Fußballs den Weg – und überhaupt, die Farben gehen gar nicht!

Natürlich mutet diese „Feindschaft“ etwas weit hergeholt und an manchen Stellen sicherlich nicht ganz sachlich an. Aber Fußball ist ja auch nicht unbedingt rational. Die Abneigung der Hannoveraner gegen Braunschweig beschränkt sich, wie die Ausführungen andeuten, nicht primär auf Fußball, sondern ist relativ tief in der Geschichte verwurzelt und wird vom Großteil der Einwohner beider Städte gehegt und gepflegt.

Sachlich gesehen: Braunschweig ist sportlich schon lange nicht mehr auf unserer Höhe, was die Pflege der Feindschaft nicht gerade beflügelt. Seitdem sich die Ultrà-Szene in Hannover gegründet hat, gab es nur einmal, im DFB-Pokal, ein Aufeinandertreffen der beiden ersten Mannschaften, was mit wenig Freiheiten und massig Polizei von der Atmosphäre her auch ziemlich zerstört wurde. Spiele zwischen den zweiten Mannschaften, die meist auf Spieltage der Ersten gelegt werden, sind auch kein Ersatz. Traditionell ist und bleibt der Messeparkplatz Ost aber unser größter Feind.

Sicherlich haben sich im Laufe der Jahre, bedingt durch häufigere Berührungspunkte, andere Feindschaften entwickelt. Bremen und Gladbach stehen nicht wirklich hoch in unserem Ansehen.

Freundschaften pflegen wir zu keiner Gruppe, aber gerade in den letzten Monaten haben sich nationale und internationale Kontakte ergeben, die sich durchaus zu etwas entwickeln könnten.

Nun zu Wolfsburg: Nein.

12.) So, ich möchte mich für das Interview und den sehr freundlichen Kontakt mit euch bedanken und wünsche der „Brigade Nord 99“ für die Zukunft das Beste!!! AGAINST MODERN FOOTBALL!!!

Alles klar! Und bis später…
(Hannover, den 27.07.2008)

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