Erlebnis Fussball #45 | 2009

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„Celebrate good times“

Feier und Choreo

10 Jahre Brigade Nord! Für diesen besonderen Anlass wählte man eine krasse Underground-Location der Extraklasse. Von Schnapsbrunnen bis Bier-Plantschbecken war alles dabei, gesoffen wurde die ganze Nacht doch das wirkliche Highlight stellte das Koka Wettziehen dar (wo auch ultra kaos große Augen bekommen hätte). Im Hinblick auf diesen geilen Abend waren auch die drei Toten zu verschmerzen, denn so ein Spektakel bietet sich halt nur einmal in 10 Jahren.

Spaß beiseite…

10 Jahre Brigade Nord! Diesem besonderen Anlass wurde neben einer Choreo auch eine Feier gewidmet, welche in einem unabhängigen Jugend-Zentrum stattfand. Die Planung und Umsetzung der beiden Aktionen begannen schon vor der Jahreswende und es wurden viele Arbeitsstunden investiert. Die besagte Feier fand Ende März statt und war mit ca. 250 Leuten gut besucht. Auf Grund einer kurzfristigen Absage, konnten wir unserer Festgesellschaft leider „nur“ einen Liveact aus der Richtung Ska-Punk präsentieren, nämlich mit “Maskapone” eine der coolsten Ska-Bands aus Hannover. Des Weiteren gab es auf einem anderen Dancefloor die ganze Nacht die verschiedensten Facetten der elektronischen Tanzmusik zu belauschen. Ganz stressfrei verlief der Abend allerdings nicht.
Die Choreo fügte sich nahtlos in das leichte Partychaos ein und wurde ganze zwei Mal verschoben, da beim ersten Mal kein reibungsloser Ablauf garantiert war, und es beim zweiten Mal Probleme wegen der Sicherheit gab, da der Sicherheitsbeauftragte der Hannover 96 Arena GmbH & Co. KG zunächst eine Generalprobe der Choreo sehen wollte und es terminliche Komplikationen gab. Als es dann gegen den 1.FC Köln endlich soweit war, zitterten schon Einigen vor Aufregung etwas die Hände, doch mit der Ausführung der Choreo konnten wir sicherlich sehr zufrieden sein.
Nachdem sich die Aufregung um die 10-Jahres-Aktivitäten etwas gelegt hat, ist nun ein guter Zeitpunkt zu einem Rückblick in die Vergangenheit.

10 Jahre Brigade Nord – what´s left?

Um die Gegenwart der hannoverschen Fanszene begreifen zu können, muss man ihre Geschichte kennen:
Die BN99 wurde im März 1999 gegründet. Im Prinzip beginnt die eigenständige Geschichte der Brigade Nord erst 2004, da vorher fast alle Kräfte und Energien in den, im Jahre 2000 gegründeten, Zusammenschluss der lokalen, ultráorientierten Gruppen, die Ultras Hannover, gesteckt wurden. Unter dem Dach der UH entwickelte sich die Brigade zur aktivsten Gruppierung innerhalb selbiger. Doch die Szene war zu jener Zeit offenbar noch nicht bereit und Dinge wie Fahneneinsatz während des Spiels, Trommeln und Dauergesänge, alles Dinge für welche die BN stand und natürlich auch noch steht, stießen zu jener Zeit bei weiten Teilen der UH auf Ablehnung. Hinzu kamen persönliche Differenzen und natürlich die Farbe Orange. Um sich eine eigene Identität zu geben, entschlossen die damaligen BN-Mitglieder eine Gruppenfarbe einzuführen, welche nicht in den Vereinsfarben auftauchte. Aus heutiger Sicht muss man sich eingestehen, dass wohl auch von uns dieser Konflikt damals geschürt wurde und die Farbe Orange bewusst besonders häufig verwendet wurde. Jedenfalls kam es im Zuge dieser Differenzen auch immer häufiger zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen BN- und anderen UH-Leuten, weshalb ein funktionierendes Gruppenleben innerhalb der UH praktisch unmöglich wurde. Logische Konsequenz, war dann schließlich der Austritt der Brigade Nord beim Dachverband der Ultras Hannover im März 2004.
An dieser Stelle muss ein Einschnitt erfolgen, da man zu dieser Zeit praktisch bei Null anfangen musste, da die Spaltung auch mit dem Wechsel der UH in den Oberrang der Nordkurve zusammenfiel, wodurch man zumindest bei Heimspielen nun auch räumlich voneinander getrennt war. Dementsprechend ging es in der Folgezeit auch mit der Stimmung im Stadion bergab, da die Masse der hannoverschen Ultrászene nun praktisch ohne jegliches Tifomatrial im Oberrang stand, während der kleine Haufen der BN versuchte, im Unterrang nicht vollends unterzugehen. Es ist der damaligen BN-Generation hoch anzurechnen, dass sie trotz der höchst unbefriedigenden Situation nicht ans Aufgeben dachte und sich ihren Platz in der Kurve erkämpfte. Nach und nach wuchs die Gruppe und ihr Umfeld und es wurden neue Projekte ins Leben gerufen, welche bis heute Bestand haben, wie z.B. der „Arbeitskreis 96-Fans gegen Rassismus“, das Fankino, das jährliche „Antirassismus Tunier“ oder unsere Streetart Workshops. In den letzten Jahren fand zudem ein struktureller Wandel sowohl bei uns, als auch bei UH statt, wodurch nun auch neue Gesichter das Bild der Kurve prägen, welche einen deutlich entspannteren Umgang miteinander pflegen. Die KritikerInnen an unserer Gruppe sind aber größtenteils die Selben geblieben.

What´s next?

Nach dem Blick in die Vergangenheit soll nun die Aufmerksamkeit dem Hier und Heute, sowie der Zukunft geschenkt werden und da die Zukunft bekanntlich in der Jugend liegt, wollen eben auch mit jener beginnen.

Kamikaze Group:
Seit ihrer Gründung Anfang 2007 ist die Kamikaze Group praktisch stetig im Wachstum und viele ihrer MitgliederInnen konnten bereits in die Brigade integriert werden. Von ihr werden Maltage organisiert, bei Streetart Workshops mit angepackt und eigene Partys veranstaltet. Außerdem gibt es mittlerweile sogenannte KG-Beauftragte. Diese kommen aus den Reihen der BN und haben die Aufgabe, neben der BN, die Entwicklung der Kamikazen zu fördern und ihnen die nötigen Verhaltensweisen zu vermitteln. Es lässt sich festhalten, dass die KG´lerInnen unseren Stil innerhalb, aber auch außerhalb des Stadions mittragen, womit wir natürlich sehr zufrieden sind, auch besonders hinsichtlich ihrer Politisierung. So koketieren die Kids überwiegend mit „linken“ Symboliken und Ausdrucksweisen und sind auch gegenüber politischen Inhalten offen, was wir selbstverständlich begrüßen und wo wir einen willkommenen Kontrast zur sonst oft sufforientierten Jugend unserer Gesellschaft sehen. Es liegt an uns ihnen auch eine inhaltliche Basis zu geben.

Politik:
An dieser Stelle lässt sich gut zu einem Thema überleiten, was vielen MitgliederInnen unserer Gruppe am Herzen liegt, die antirassistische und antifaschistische Arbeit innerhalb, aber auch außerhalb des Stadions. Generell finden wir es falsch davon auszugehen, man könne seine (politische) Meinung am Stadiontor abgeben. Wir alle sind nun einmal (politisch) denkende Menschen und das Stadion sollte kein Ort sein, an welchem wir einen Teil unserer Persönlichkeit unterdrücken, nur um gewisse Menschen nicht in ihrem rassistischen und in Stereotypen verhafteten Weltbild zu stören und ihnen einen sorgenfreien Samstagnachmittag zu ermöglichen. Auch das Kredo mancher (Ultrá-)Gruppen antifaschistische sowie „rechte“ Strömungen innerhalb der Gruppe zum Wohle des Vereins tolerieren zu können ist für uns unvorstellbar und wir fragen uns ernsthaft, wie es um das Gruppenleben in diesen Gruppen bestellt ist. Aus unserer Sicht bietet der Fußball mit der immer weiter zunehmenden Kommerzialisierung und den repressiven Maßnahmen seitens der Staatsmacht gegenüber Fußballfans eine gute Grundlage, um diese Mechanismen in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einzubetten und daraus die entsprechenden Schlüsse zu ziehen, da Phänomene wie Dietmar Hopp oder RB Leipzig nicht Schuld an der Kommerzialisierung des Fußballs sind, sie spielen dieses Spiel nur eben besonders gut.
Auch unsere antirassistische Arbeit, unter anderem im Zuge des „Arbeitskreis 96-Fans gegen Rassismus“ verstehen wir durchaus als politische Arbeit. Wir sind nicht der Meinung, dass Antirassismus alleine schon der gesunde Menschenverstand gebietet und von „80 Millionen Demokraten gelebt wird“, wie es so schön in einem Werbefilm des niedersächsischen Innenministeriums heißt, welcher auch im Niedersachsenstadion gesendet wird und bei dem auch aktuelle Spieler von 96 mitwirken. Sicher sind Aktionen, wie zum Beispiel die „Rote Karte gegen Rassismus“ von der DFL ganz nett, setzen sie doch schon ein Zeichen für Toleranz im Fußball, doch sind sie eben nicht mehr als das. Sie schaffen keine gesellschaftliche Akzeptanz und sind sicher nicht das Ultimo von antirassistischer Arbeit. Umso beschämender, dass solche Aktionen auch noch medial ausgeschlachtet und zu Imagezwecken missbraucht werden. Antirassistische Arbeit besteht für uns also aus mehr als „bunt statt braun“, es geht darum Ausschlussmechanismen zu erkennen, Integration zu unterstützen und gegen offen rassistische Ausdrucksformen, wie etwa Abschiebungen vorzugehen. Momentan arbeiten wir im Arbeitskreis an einem Integrationsprojekt mit, über welches wir auf Grund der bis dato ungewissen Entwicklung des Projektes an dieser Stelle noch nicht zu viel sagen möchten.
Für unser (politisches) Engagement müssen wir Kritik auch innerhalb der Fanszene einstecken. Es lässt sich zusammenfassend sagen, dass es kaum eine Gruppe in Hannover gibt, welche ähnlich polarisiert, wie wir es tun. Es ist ein wenig wie mit Bayern München, entweder man mag uns oder man hasst uns, dazwischen gibt es nicht viel.

Gruppenleben:
Unser Gruppenleben spielt sich an verschiedenen Orten ab. Zunächst einmal wäre das Fanprojekt zu nennen, wohin wir auch zu unseren regelmäßigen, wöchentliche Treffen einladen. Das Fanprojekt ist für uns auch erste Anlaufstelle nach Heimspielen. Außerdem sind wir in dem unabhängigen Jugendzentrum, in welchem wir auch unsere 10 Jahres Party feierten, immer gern gesehen. Besonders für spontane Treffen oder auch Veranstaltungen, wie das Fankino oder Maltage ist es optimal. Ab und an nutzen wir auch das Fanhaus am Eilenriedestadion, welches vom Verein bereitgestellt und von uns zusammen mit den Ultras Hannover verwaltet wird. Auf Grund architektonischer Einschränkungen halten wir das Fanhaus jedoch nicht für ideal, weshalb für die Zukunft auch der Wunsch nach eigenen, selbstverwalteten Räumlichkeiten auf der Prioritätenliste steht. Neben der Leidenschaft für Hannover 96 besteht innerhalb der Gruppe auch das Interesse an anderen sportlichen Aktivitäten, so wird sich vor allem zu Ferienzeiten fast täglich in den zahlreichen Grünanlagen unserer Stadt getroffen. Besonders angesagt im letzten Sommer waren vor allem Ultimate Frisbee, Schwimmen und Basketball.
Unsere Gruppe an sich ist basisdemokratisch organisiert, obwohl natürlich auch bei uns kaum vermeidbare, informelle Hierarchien bestehen. Da unsere MitgliederInnen nicht komplett in der Umgebung Hannovers wohnen, ist es manchmal schwierig, aber umso wichtiger zu regelmäßigen Treffen zusammenzukommen.

Tifo:
Wir haben den Anspruch, der kreative Motor der Kurve zu sein, neue Gesänge oder Impulse kommen zumeist aus unseren Reihen. Für uns ist es wichtig 96 mit kreativen Gesängen und möglichst bunt zu unterstützen, weshalb uns der Einsatz von optischen Hilfsmitteln besonders am Herzen liegt. Uns ist durchaus bewusst, dass sich einige Menschen bei uns im Block an unseren Fahnen stören. Wir können da leider nicht mehr tun, als immer wieder Gesprächsbereitschaft zu signalisieren, so lange die vorgebrachte Kritik sich in einem vernünftigen und seriösen Rahmen bewegt. Zudem ist es auf Wunsch auch möglich, in einen der Nachbarblöcke zu wechseln, wo mit Sicherheit nichts die freie Sicht auf das Spielfeld verhindert. Offenbar hat jedoch die Toleranz in unserem Block zugenommen, beziehungsweise ein Zuschaueraustausch stattgefunden, da zumindest offene Anfeindungen wie Becherwürfe oder Beleidigungen abgenommen haben.
Bezüglich des Gesanggutes ist sich unsere Szene zumeist immer noch uneins. Manche Strömungen versuchen eher die Massen zu animieren, ein Versuch, den wir in Hannover als gescheitert ansehen, andere bevorzugen kreative und ausdauernde Gesänge. Es ist für uns zwar durchaus legitim in entscheidenden Phasen massenkompatiebles Liedgut zu bringen, bei welchem die Chance besteht, dass die Kurve mitzieht und dementsprechend eine hohe Lautstärke erzielt wird, doch empfinden wir das Publikum in Hannover generell als nur mäßig begeisterungsfähig und sangesfreudig, weshalb wir im Zweifelsfall lieber versuchen mit unserem Umfeld zusammen kreative und „anspruchsvolle“ Lieder mit entsprechender Motivation und Emotionen zum Besten zu geben, anstatt wieder und wieder aufs neue vergeblich zu versuchen, die Masse mit einzubeziehen. Früher beteiligte sich nur ein kleiner Kreis an unserer Art des Tifo, doch mittlerweile ist unser Umfeld deutlich gewachsen und besteht längst nicht mehr nur aus den 30 bis 40 Unentwegten, weshalb es auch vermehrt zu Diskussionen, leider zumeist im Internet, über unser Liedgut kommt.

This is (not) the end

Zum Ende des Artikels wollen wir einen kleinen Ausblick für unsere Szene wagen. Die Zukunft von Ultrá in Hannover scheint dank, in der Vergangenheit untypischer, zunehmender restriktiver Maßnahmen ungewisser denn je, eine Prognose lässt sich nur schwer vornehmen. Generell wäre es allerdings schon ein Erfolg, wenn alle Strömungen innerhalb der Fanszene in Zukunft ein wenig mehr Toleranz füreinander übrig hätten, damit sich unsere Szene zukünftig nicht, wie in der Vergangenheit häufiger der Fall, durch hochnäsiges und ignorantes Verhalten selbst im Wege steht. Elitäres Denken hilft niemandem weiter und wird uns nirgendwo hinbringen. An der Stelle müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen, da sich auch in unserer Gruppe gerne als eine Art Avantgarde gegenüber den restlichen Fans abgegrenzt wird.
Im Bezug auf unsere Gruppe hoffen wir, dass auch weiterhin immer mehr Jugendliche und Junggebliebene, welche unsere Ansichten teilen, zur Brigade stoßen werden, damit wir auch unser 20 Jähriges gebührend feiern können.

Brigade Nord 99, Oktober 2009

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