Erlebnis Fussball #42 | 2009

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„Express Yourself – Come on and do it…“
Public Enemy
Im folgenden Text wollen wir ein wenig auf die Entwicklung unserer Gruppe und unserer Einschätzung der Szene in Hannover eingehen.

„Some things change“
Eines der wichtigsten Dinge ist dabei die Stimmung bei Heim- und Auswärtsspielen, bei denen wir teilweise gegenläufige Entwicklungen feststellen.
Seit ca. anderthalb Jahren setzen wir wieder eigene Vorsänger ein um mehr Leute dazu zu bewegen sich am Tifo zu beteiligen- mit positivem Ergebnis. Die Koordination mit dem Oberrang ist dabei immer noch stark schwankend. So gibt es Spiele bei denen wir mit UH und Co. gut kooperieren und Spiele die den Anschein erwecken als wären wir zwei komplett verschiedene Fraktionen, die sich nicht aufeinander beziehen.
Im Prinzip hat sich der Kern, der unserer Gruppe nahe steht, vergrößert und trägt größtenteils, dass was wir uns an Liedgut einfallen lassen, mit. Dabei werden auch vermehrt optische „Hilfsmittel“ dauerhaft eingesetzt. Jedoch scheint die Trennlinie zwischen unserem Umfeld und den „unorganisierten“ Fans im Block N4/5 größer zu werden. Dies lässt sich dadurch sehen, dass wir in der vergangenen Hinrunde wieder vermehrt Probleme mit Fans hatten, die sich an unseren Fahnen störten und es zu handfesten Auseinandersetzungen kam. Dabei spielt die politische Orientierung der Angreifer oftmals eine Rolle.

Bei Auswärtsspielen empfinden wir die Stimmung tendenziell als besser. Dies hat damit zu tun, dass es sich sehr bemerkbar macht, wenn wir mit UH zusammen stehen und dadurch einen größeren Kern bilden.
Aber auch hier gibt es eine stärkere Trennung zwischen Ultras und „nicht-Ultras“. Das liegt daran, das in der Hinrunde einige neue Lieder eingeführt wurden und die Debatte um den „british style of tifo“ versus „italian tifo“ wieder aktuell geworden ist. Mit keiner guten Tendenz für uns.
Allerdings fällt diese Trennung oftmals kaum auf, da wir und auch UH eine starke Zunahme an Mitgliedern und AuswärtsfahrerInnen haben. Alles in allem ist dies also „nur“ eine strukturelle Veränderung, keine Quantitative.

„But some things never change“
Das Verhältnis zu UH hat sich nicht grundlegend geändert. Von den Einstellungen her sind wir noch immer weit auseinander. Ein Beispiel ist die Debatte um „Politik im Stadion“.
Innerhalb der UH nehmen wir die jüngere Generation jedoch als grundsätzlich positiver uns gegenüber gestimmt, wahr. Absprachen unter den Gruppen finden vermehrt statt und auch die Solidarisierung bei Angriffsversuchen des Ordnungsdienstes und der Polizei funktioniert meistens gut. Von einem freundschaftlichen Verhältnis wird aber auch in Zukunft keine Rede sein.

„If the Kids are united…“
Unsere vor anderthalb Jahren gegründete Nachwuchsgruppe, die Kamikaze Group hat für uns eine Menge positiver Dinge hervorgebracht. Von den Kids sind schon einige in die Brigade „aufgestiegen“. Die Kamikazen sind in vielerlei Hinsicht hochmotiviert und zuverlässig. Traurige Bekanntheit erlangten sie durch den Verlust ihrer Zaunfahne an FFM.

„We’ll never surrender“
Was das Thema Repression angeht, ist diese Saison eine sehr bedenkliche Entwicklung zu beobachten. Während die gesamte Szene in Hannover die letzten Jahre relativ wenig an repressiven Maßnahmen seitens der Polizei und des Vereins ab bekam, versuchen die so genannten Szenekundigen Beamten (SKB) die Szene in den letzten Monaten stark zu kriminalisieren.
Sie versuchten dabei unter anderem den Verein davon zu überzeugen uns das Fanhaus wegzunehmen da dort „Straftaten vorbereitet“ würden. Was immer sie damit auch meinten – dass wurde uns bis heute nicht erläutert… Außerdem sind sie sehr verärgert darüber, dass die Ultra-Szene starken Zuwachs durch junge Menschen bekommt und sie so den Überblick verloren haben. Denn Gesichter sind für sie zu den Gruppen so kaum noch zuzuordnen und die jeweiligen Namen dazu haben sie auch nicht. Die gestiegene Aufmerksamkeit kommt auch dadurch das eine Menge genau dieser jüngeren an Riots interessiert sind und an dem militanten Gestus vieler Symboliken großen Gefallen finden.

Eine der krassesten Geschichten war vor allem das Stadionverbot für ein UH-Mitglied – mit einer absolut abstrusen Begründung. Dieses Mitglied erhielt vor ca. einem Jahr ein Stadionverbot für eine Aktion die nicht einmal für ein Strafverfahren ausreichte. Es wurde mit der Begründung zur Bewährung ausgesetzt, das er jetzt dafür zu Sorgen hat das es keine Riots mehr gibt. Als dies natürlich nicht „funktionierte“, wurde die Bewährung wieder aufgehoben. Argumentation der SKB: er hätte sich „in fantypischem Verhalten“ mit seinen FreundInnen bei einem Amateurspiel unterhalten und wurde am selben Tag am Hauptbahnhof „gesehen“.

Der Gipfel war allerdings die versuchte Durchsetzung von personalisierten Tickets für das Amateurspiel in Magdeburg. 96 veröffentlichte erst klamm heimlich, relativ versteckt auf der Homepage dieses Vorhaben.
Nach einem Spruchband beim Heimspiel gegen Bielefeld und einer anschließenden Pressemitteilung von uns verfasste die Rote Kurve ebenfalls eine Stellungnahme. Dieses Zusammenwirken erzeugte den nötigen Druck um 96 zum Rückzug zu bewegen. 96 verwies auf die Polizei Hannover, die in Absprache mit dem 1.FC Magdeburg auf dieses Vorgehen gedrängt hatten. Ein breite Debatte über solche Maßnahmen fand leider trotz allem in Hannover nicht statt. Dies wäre ein guter Aufhänger gewesen.
Sicherlich haben einige auch die Klage unseres ehemaligen Mitglieds gegen die Datei Gewalttäter Sport mitbekommen, die auch mittlerweile vom Fanrechtefonds unterstützt wird. Grundsätzlich finden wir es gut das dieser Versuch unternommen wurde. In diesem Zusammenhang hätten wir uns allerdings eine stärkere bundesweite Diskussion um diese Datei gewünscht. Letztlich ist der ganze Vorgang in der Szene scheinbar nicht so richtig angekommen.

„Let’s make things better“
Die antirassistische Arbeit in Hannover ist mittlerweile stark mit unserem Namen verknüpft, da wir zum einen im „Arbeitskreis 96-Fans gegen Rassismus“ die treibende Kraft sind, andererseits diejenigen die im Stadion am offensivsten agieren. Zwar ist auch in der Roten Kurve eine vermehrte Auseinandersetzung mit dem Thema, die mit uns im Arbeitskreis sitzen, zu beobachten, allerdings stehen sie mit ihrem Label als Organisation weniger für Antira-Arbeit bzw. werden weniger damit assoziiert. Momentan arbeiten wir gerade im Arbeitskreis an einem Projekt um die Offiziellen des Vereins und Ordnungsdienst und interessierte Fangruppen in „Rassismuskritischen Settings“ im Bezug auf verschiedene Diskriminierungsmechanismen wie z.B. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie zu sensibilisieren.
Im laufe dieser Verhandlungen, die noch andauern, war vor allem ein Motiv der Mitgliederwerbungskampagne von 96 ein Streitpunkt. Auf einem Plakat war eine Frau zu sehen die im 96 Trikot vor der Nordkurve posierte mit dem Titel „Ich bin 96 weil Kurven sexy sind“. Nachdem der Verein lange abstritt, das dieses Motiv sexistisch sei, scheint es mittlerweile verschwunden zu sein.

Im Bezug auf die Fanszene im Allgemeinen verzeichnen wir keine spürbare Zunahme an antirassistischem Engagement.
Für die nächsten Monate wird es allerdings spannend wie sich die Fanszene zum geplanten Nazi-Aufmarsch am 1. Mai in Hannover verhalten wird. Wenn die so genannten „Freien Kameradschaften“ und den überaus aggressiven „Autonomen Nationalisten“ versuchen den 1. Mai für sich zu besetzen. Es gab bereits 2007 bei dem NPD-Wahlkampfauftakt in Hannover eine Unterstützung des linken Aufrufes durch uns und die Rote Kurve. Wir hoffen natürlich das sich dem noch mehr Leute aus dem Fußballumfeld anschließen werden um den Nazis den Tag zum Desaster zu machen.

„There is no alternative – is it?“
Der Diskurs um die so genannte 50+1 Regel
Wenn gleich Martin Kind einer der größten Befürworter der Abschaffung der „50+1 Regel“ ist, haben wir nicht das Gefühl das die Debatte darum in Hannover besonders präsent ist. Erst in den letzten paar Wochen beschäftigt sich auch die Fanszene ein wenig damit.
Im Prinzip können wir festhalten das wir drei sehr unterschiedliche Positionen innerhalb der Fanszene haben.
Die Grundannahme ist bei den meisten Gruppen in der Regel, dass mit dem Fall von „50+1“ ein „RB Salzburg“ auch in der BRD möglich wäre, allerdings ist dies falsch.
Sponsoren im Vereinsnamen sind keine logische Konsequenz der Zukunft, sondern ein historisches Faktum im Fußballsport. Als Beispiele: Bayer Uerdingen, Westfalia Godin/ Herne, LR Ahlen (ok, die sind etwas künstlich entstanden), Chio Waldhof Mannheim, VfR Oli Bürstadt, (und ein Verein kann von Glück sagen, dass er nicht Jägermeister B… heißt). In der DDR war es durchaus üblich, dass es Firmenpaten geben musste, um überhaupt eine Spiellizenz zu erhalten.

Bayer Leverkusen, Wacker Burghausen und Carl Zeiss Jena wurden als Werksvereine gegründet. Es gibt also durchaus eine Tradition von Vereinen, die Firmennamen in ihren Vereinsnamen haben und hatten. Ohne finanzielle Unterstützung von Unternehmen hätte der Fußballsport nicht die Verbreitung, die wir heute gewohnt sind, wenngleich nicht jedes Unternehmen den Firmennamen im Vereinsnamen untergebracht hat. Ein DFB Statut besagt, dass ein Verein nur bei Neugründung einen Firmennamen im Vereinsnamen unterbringen kann, oder als ausdrückliche Ausnahme. Die traditionellen Vereinsnamen sind also durchaus geschützt. Wenn dieses Statut fallen würde und eine Firma uns ihren Namen aufdrücken könnte, hätten wir schon ein Problem damit, haben aber unser mögliches Verhalten noch nicht endgültig ausdiskutiert, da wir die Gefahr momentan nicht als dramatisch ansehen. Herr Kind arbeitet unseres Wissens nach keinesfalls auf die Abschaffung des DFB Statuts hin, eher ist es ihm momentan ein Anliegen die „Marke Hannover 96“ auszubauen und zu stärken.
Aber im Fall der Übernahme eines Vereins durch einen „Investor“ oder, eines „Mäzen“ hieße das trotzdem noch nicht, das dadurch mal eben die Vereinsfarben und der Vereinsname geändert werden könnte. Auch die restlichen GesellschafterInnen der Kapitalgesellschaft müssten dem zustimmen.
Fazit: Der Fall der 50+1 Regel stellt nicht den worst case dar, mit dem die Vereine und Kapitalgesellschaften vollends an „die Wand fahren“ würden. Sollte es noch Bedarf zur Information geben weisen wir hier auf den besagten Radiobeitrag hin: http://www.bn99.com/radio/50+1_master.mp3 In diesem Beitrag gibt es ein Interview mit dem Sportökonom Thomas Kupfer, der zwar eine wirtschaftsliberale Argumentation hat, die wir nicht teilen, aber über die Mechanismen von 50 +1 gut informiert.

„What to do?“
So lange sich allerdings Fußballfans auf eine rein sozialromantische „früher war es besser“ Analyse der „Kommerzialisierung“ im Fußball beziehen und nicht anfangen ohne über den gesellschaftlichen Kontext zu diskutieren ist der „Kampf“ gegen den „modernen“ Fußball nichts als konformistische Rebellion die zu nichts führt.

„We need your help – do we?“
In den vergangenen Jahren arbeiteten wir stark mit dem Fanprojekt Hannover zusammen, mit dem wir eine gute Basis hatten und die uns unterstützt haben wo sie konnten. Seit dem Sommer gibt es allerdings starke Probleme mit der Personalsituation. Denn das Team sollte ausgewechselt werden, allerdings sind die Positionen noch nicht neu besetzt, so dass wir in einem permanenten Schwebezustand mit dem Fanprojekt sind. Dies führte vor allem zu einem vermehrten Ausfall unserer Treffen und fehlender Vermittlungsrolle.
Seit vorletztem Sommer haben wir zum ersten mal einen hauptamtlichen Fanbeauftragten, mit dem wir bisher ganz gut zusammen arbeiteten. Problematisch ist es natürlich immer wenn er durch seine Sachzwänge am Verein „hängt“ und deshalb immer wieder zwischen zwei Fronten steht. Dieses „ausbalancieren“ macht er jedoch überwiegend gut.

„to be continued…“
Wir blicken im Bezug auf unsere Gruppe eher positiv in die Zukunft und schauen mal in welche Richtunge(n) wir uns entwickeln werden.

Brigade Nord 99, Januar 2009

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